Perfektionismus: Warum du dich selbst ausbremst
Perfektionismus kann mit Angst vor Fehlern, Bewertung und Selbstzweifeln zusammenhängen. Warum „gut genug“ oft der wichtigere Schritt ist.
Jana Wappler - Gründerin von Echofrei
5/11/20267 min read


Perfektionismus: Warum du dich selbst ausbremst, obwohl du es besser weißt
Perfektionismus klingt im ersten Moment oft nach etwas Positivem. Nach hohen Ansprüchen, Sorgfalt und dem Wunsch, etwas richtig gut zu machen. Und natürlich ist nichts falsch daran, Qualität abliefern zu wollen.
Problematisch wird es dann, wenn aus „Ich möchte es gut machen“ ein „Ich darf keinen Fehler machen“ wird. Wenn du stundenlang an Kleinigkeiten feilst, Dinge nicht veröffentlichst, obwohl sie längst gut genug wären, oder dich vor Präsentationen, Gesprächen oder neuen Aufgaben so lange vorbereitest, bis du irgendwann gar nicht mehr ins Handeln kommst.
Dann geht es häufig nicht mehr nur um Qualität. Dann geht es auch um Sicherheit.
Perfektionismus hat oft weniger mit Leistung zu tun, als wir denken
Viele Menschen sagen von sich: „Ich bin eben perfektionistisch.“ Das klingt fast wie eine feste Persönlichkeitseigenschaft. Aber hinter Perfektionismus steckt häufig mehr.
Zum Beispiel:
Angst, einen Fehler zu machen
Sorge, bewertet zu werden
Angst, nicht gut genug zu sein
Angst, andere zu enttäuschen
Angst, sich angreifbar zu machen
Der innere Anspruch lautet dann nicht einfach: „Ich möchte das gut machen.“ Sondern eher: „Wenn ich es perfekt mache, kann mir nichts passieren.“
Natürlich läuft dieser Gedanke nicht immer bewusst ab. Manchmal zeigt sich Perfektionismus einfach darin, dass du noch einmal kontrollierst. Und noch einmal. Dass du einen Text zehnmal veränderst, dich auf ein Gespräch übermäßig vorbereitest oder lieber gar nichts sagst, bevor du etwas Falsches sagst.
Warum frühere Erfahrungen dabei eine Rolle spielen können
Perfektionismus entsteht nicht bei jedem Menschen aus demselben Grund. Manche haben früh gelernt, dass Leistung viel Anerkennung bringt. Andere haben erlebt, dass Fehler stark kritisiert wurden. Manche wurden ausgelacht, verglichen oder hatten das Gefühl, nur dann wirklich sicher zu sein, wenn sie alles richtig machen.
Solche Erfahrungen können sich einprägen.
Wenn du heute in eine ähnliche Situation kommst, kann dein System automatisch reagieren, obwohl du rational längst weißt, dass heute etwas ganz anderes passiert.
Vielleicht möchtest du ein Video aufnehmen und weißt genau: Es muss nicht perfekt sein. Trotzdem nimmst du es siebenmal neu auf.
Vielleicht möchtest du in einer Besprechung etwas sagen und denkst: „Eigentlich ist mein Gedanke gut.“ Trotzdem wartest du so lange, bis jemand anderes das Thema anspricht.
Vielleicht willst du etwas posten und weißt genau: Niemand erwartet Perfektion. Und trotzdem bleibt der Entwurf liegen.
Genau an dieser Stelle wird sichtbar, dass Wissen allein nicht immer ausreicht.
Eine kleine Geschichte, die du vielleicht kennst
Stell dir vor, du musst in der Schule etwas vortragen. Hinten in der Ecke sitzt ein Junge, der immer wieder lacht. Vielleicht lacht er gar nicht über dich. Aber du bist nervös, nimmst das Lachen wahr und verbindest es mit deiner Situation. Du fühlst dich beobachtet, unsicher, vielleicht sogar lächerlich.
Jahre später musst du eine Präsentation halten, ein Video aufnehmen oder dich vor anderen zeigen. Rational weißt du: Niemand sitzt hinten in der Ecke und lacht. Aber dein Körper reagiert trotzdem mit Anspannung.
Solche Verknüpfungen müssen nicht immer aus einem großen, dramatischen Ereignis entstehen. Manchmal reichen viele kleine Erfahrungen.
Und genau deshalb kann Perfektionismus so hartnäckig sein. Er fühlt sich oft logisch an: „Ich will es eben richtig machen.“ Dabei dient er manchmal vor allem dazu, unangenehme Gefühle zu vermeiden.
Perfektionismus kann zu einer Art Stillstand werden
Perfektionismus sieht nicht immer nach Stress aus. Manchmal sieht er sogar sehr produktiv aus. Du recherchierst, planst, verbesserst, bereitest dich vor und optimierst.
Von außen sieht das fleißig aus. Aber innerlich kommst du keinen Schritt weiter.
Genau darin kann Perfektionismus dem Erstarren ähneln. Nicht im Sinne davon, dass Perfektionismus immer automatisch eine Freeze-Reaktion ist. Aber er kann sich wie eine subtile Form des Nicht-Handelns zeigen.
Du bist beschäftigt, aber nicht wirklich in Bewegung.
Du bist vorbereitet, aber nicht sichtbar.
Du denkst viel, aber entscheidest nicht.
Du feilst, aber veröffentlichst nicht.
Und irgendwann wird aus dem Anspruch, es besonders gut zu machen, genau das, was dich davon abhält, überhaupt anzufangen.
Der Satz „Ich muss es perfekt machen“ hat meistens eine zweite Ebene
Wenn du genauer hinschaust, steckt hinter dem Perfektionismus oft eine unausgesprochene Befürchtung.
Zum Beispiel:
„Sonst werde ich kritisiert.“
„Sonst merken die anderen, dass ich nicht gut genug bin.“
„Sonst blamiere ich mich.“
„Sonst enttäusche ich jemanden.“
„Sonst verliere ich Kontrolle.“
Und genau hier lohnt es sich hinzuschauen.
Denn wenn hinter dem Perfektionismus eigentlich Angst vor Bewertung steckt, bringt es wenig, nur am Zeitmanagement zu arbeiten. Wenn dahinter Selbstzweifel stecken, reicht ein Produktivitätstipp ebenfalls selten aus. Und wenn dein System gelernt hat, dass Fehler gefährlich sind, wird ein rationales „Fehler sind doch menschlich“ allein nicht immer reichen.
Die anderen kennen deine 100 Prozent gar nicht
Ein Gedanke kann dabei sehr entlastend sein: Die anderen wissen gar nicht, was deine persönlichen 100 Prozent sind.
Was du selbst als „nur 80 Prozent“ empfindest, kann für jemand anderen längst vollkommen ausreichend sein.
Du siehst jede kleine Unsauberkeit.
Du weißt, was noch besser hätte sein können.
Du kennst die Version, die du eigentlich im Kopf hattest.
Andere sehen nur das Ergebnis.
Und sehr häufig ist genau das Problem: Du vergleichst deine reale Leistung mit deiner inneren Idealversion. Die anderen vergleichen sie mit gar nichts.
Was hilft gegen Perfektionismus?
Der erste Schritt ist nicht, absichtlich schlechter zu werden. Es geht auch nicht darum, plötzlich alles egal zu finden.
Es geht darum, wieder unterscheiden zu lernen:
Wo ist Qualität wirklich wichtig?
Wo versuche ich gerade nur, mich vor Bewertung, Unsicherheit oder Fehlern zu schützen?
Was wäre hier gut genug?
Was erfüllt den Zweck?
Bei einem Text kann das heißen: „Die Aussage ist klar, die wichtigsten Fehler sind korrigiert, fertig.“
Bei einem Video: „Die Botschaft sitzt, ich bin verständlich, ich muss nicht jedes Wort perfekt formulieren.“
Bei einer Präsentation: „Ich kenne meine Kernpunkte und muss nicht jede mögliche Frage vorher durchspielen.“
So trainierst du, nicht erst dann aufzuhören, wenn das Gefühl von Sicherheit kommt. Denn bei Perfektionismus kommt dieses Gefühl oft nie vollständig.
Warum Selbstwert dabei eine große Rolle spielen kann
Perfektionismus wird besonders anstrengend, wenn Leistung und Selbstwert eng miteinander verbunden sind.
Dann bedeutet ein Fehler nicht mehr nur: „Da ist etwas schiefgelaufen.“ Sondern: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Genau diese Verbindung erzeugt enormen Druck.
Ein Fehler wird dann persönlich.
Kritik wird persönlich.
Eine unperfekte Leistung wird persönlich.
Je stärker dein Selbstwert davon abhängt, wie gut etwas gelingt, desto schwerer wird es, einfach auszuprobieren, sichtbar zu werden oder etwas Unfertiges stehen zu lassen.
Deshalb lohnt es sich, Perfektionismus nicht nur als Verhaltensweise zu betrachten, sondern auch zu fragen: Was glaube ich über mich selbst, wenn etwas nicht perfekt läuft?
Wie ich bei ECHOFREI auf Perfektionismus schaue
Mich interessiert bei Perfektionismus nicht nur die Frage: „Warum willst du alles perfekt machen?“
Sondern auch: Was passiert automatisch in dir, wenn etwas nicht perfekt ist?
Wirst du unruhig?
Fängst du an, alles noch einmal zu kontrollieren?
Entsteht sofort der Gedanke, dass andere dich schlechter beurteilen könnten?
Ziehst du dich zurück?
Schiebst du Dinge auf?
Oder wirst du so angespannt, dass du lieber gar nicht erst anfängst?
Genau dort liegt häufig der entscheidende Punkt.
Im 1:1 arbeite ich je nach Situation mit Coaching, Hypnose und weiteren Methoden an solchen automatischen Reaktionen. Nicht mit dem Ziel, aus einem sorgfältigen Menschen einen nachlässigen Menschen zu machen.
Sondern damit du wieder entscheiden kannst: Hier lohnt sich Qualität. Und hier reicht gut genug.
Bevor wir zum Thema Sicherheit gehen, verlinke ich euch hier ein Interview wo ich Persönlichkeit vs. Muster genau am Beispiel Perfektionismus: „Niemand kommt als Perfektionist auf die Welt“ und „perfekt arbeiten wollen vs. perfekt sein müssen“ erkläre. Vielleicht spanned für dich :-)
Perfektionismus und Sichtbarkeit
Gerade beim Thema Sichtbarkeit zeigt sich Perfektionismus besonders häufig.
Ein Post wird nicht veröffentlicht, weil die Formulierung noch nicht perfekt ist.
Das Video wird nicht hochgeladen, weil man sich auf dem Bild nicht gut genug findet.
Die Präsentation wird bis zur letzten Minute verändert.
Oder man wartet mit einer Idee so lange, bis jemand anderes sie längst umgesetzt hat.
Wenn du das kennst, liegt das Problem oft nicht darin, dass du nicht weißt, was du tun solltest. Du weißt es meistens sehr genau.
Die Frage ist eher, warum dein System trotzdem auf die Bremse tritt.
Ein kleiner Test für dich
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich an einer Aufgabe festbeißt, frag dich:
Mache ich es gerade wirklich besser?
Oder versuche ich gerade nur, mich sicherer zu fühlen?
Diese Frage trennt Qualität sehr oft von Perfektionismus. Denn Qualität hat ein Ziel. Perfektionismus hat häufig kein Ende.
Fazit
Perfektionismus ist nicht grundsätzlich schlecht. Hohe Ansprüche, Sorgfalt und Qualität können große Stärken sein.
Problematisch wird es dann, wenn du nur noch handeln kannst, wenn du glaubst, alles kontrolliert zu haben.
Wenn du dich nicht zeigst, weil es noch nicht perfekt ist.
Wenn du Entscheidungen aufschiebst.
Wenn du dich selbst ständig korrigierst.
Oder wenn jeder Fehler sich wie eine Bewertung deiner Person anfühlt.
Dann lohnt es sich, nicht nur an deinem Verhalten zu arbeiten, sondern auch an der automatischen Reaktion dahinter.
Vielleicht wird es nicht sofort perfekt. Vielleicht auch nicht sofort genau so, wie du es dir vorgestellt hast. Aber dafür kommst du wieder ins Handeln.
Und genau das ist meistens wichtiger.
Wenn du dich darin wiedererkennst
Wenn du dich in einigen dieser Punkte wiedererkennst und wissen möchtest, ob und wie ich dich dabei unterstützen kann, kannst du mir gern unverbindlich schreiben oder ein kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren.
Über die Autorin
Jana Wappler ist Gründerin von ECHOFREI und arbeitet mit Coaching, Hypnose und mentalen Methoden zu automatischen Reaktionen, Selbstzweifeln, Stress, innerer Sicherheit und mentaler Stärke.
Häufige Fragen zu Perfektionismus
Ist Perfektionismus immer etwas Schlechtes?
Nein. Hohe Qualitätsansprüche können sehr hilfreich sein. Problematisch wird Perfektionismus vor allem dann, wenn Angst vor Fehlern oder Bewertung dazu führt, dass Entscheidungen, Sichtbarkeit oder Handeln blockiert werden.
Woher kommt Perfektionismus?
Es gibt nicht die eine Ursache. Erfahrungen mit Kritik, hohen Erwartungen, Leistungsdruck, Vergleichen oder dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, können eine Rolle spielen. Auch persönliche Ansprüche und erlernte Strategien können Perfektionismus verstärken.
Warum schiebe ich Dinge auf, obwohl ich perfektionistisch bin?
Perfektionismus und Prokrastination treten häufig gemeinsam auf. Wenn der eigene Anspruch sehr hoch ist, kann schon der Gedanke an die Aufgabe so viel Druck erzeugen, dass man den Beginn immer weiter aufschiebt.
Kann Perfektionismus mit Selbstzweifeln zusammenhängen?
Ja. Besonders belastend wird Perfektionismus häufig dann, wenn Fehler nicht nur als Fehler erlebt werden, sondern als Beweis dafür, selbst nicht gut genug zu sein.
Wie kann ich lernen, mit weniger Perfektionismus zu handeln?
Hilfreich kann sein, vor einer Aufgabe bewusst festzulegen, was „gut genug“ bedeutet, die eigenen Befürchtungen hinter dem Perfektionismus zu hinterfragen und kleine Situationen zu üben, in denen nicht alles vollständig kontrolliert wird.
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Jana Wappler
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